Wollnsen wiederhaben? – Ein Lob auf meinen Orthopäden

Ja, es ist unterhaltsam mit ihm. Wir kommen auf verschiedene Themen. Sport, E-Bike-Fahren, Kunst, Bildung.

Was ihn auszeichnet, ist eine unaufgeregte Präzision und ein gutes Verständnis. Vor ein paar Wochen war ich mit Schmerzen in der Wade bei ihm. Und in einem beiläufig dahergesagten Satz, „Man will ja keine Thrombose haben“, sprach er meine größte Sorge an, um sie dann, nach sorgfältiger Untersuchung umgehend zerstreuen zu können. (Es war ein kleiner Muskelfaserriss.)  Ich liebe diesen Sinn fürs Undramatische.

Dann kann ich auch den Satz, an meine anwesende Frau gerichtet, einordnen, als er sich anschickte bei einer kleineren Operation am Handgelenk das Skalpell anzusetzen: „Wollnsen wiederhaben?“

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3 Allgemeinplätze über Briten

  1. Briten können nicht kochen. Stimmt überhaupt nicht. Wir haben an unterschiedlichen Orten in Restaurants vorzüglich gegessen. Mit Qualitätsunterschieden, na klar, aber doch sehr fein und auch in Bistros und  Pubs mit einem kleinen Extra. Irgendwo in Stratford gab es die besten Pommes seit langem, außen kroß, innen auch gefüllt, kartoffelig, und nicht von Fett durchzogen.
  2. Britisches Bier ist ungenießbar, weil eine geschmacklose, unfrische Plörre. Stimmt auch nicht. Draught Biere können sehr frisch und wohlschmeckend daherkommen, es gibt viele lokale Biersorten, die besonders sind. Irgendwie hat sich das Indian Pale Ale durchgesetzt, das immer etwas süßlich schmeckt, vielleicht für deutschen Biergeschmack nicht herb genug. Ok. Aber gut.
  3. Britisches Brot ist….eigentlich kein Brot. Sondern Luft, von etwas Teig durchlöchert. Stimmt. Man kann zuweilen Brot kaufen, das nach fester Konsistenz aussieht, auch einen knusprigen Eindruck macht. Aber ach, geschnitten ist es dasselbe lappige oder noch schlimmer: bröselige Etwas, das man auf der Insel Brot nennt. Auch da gibt es jedoch leichte Anzeichen der Besserung. In besseren Lokalen – man lese und staune – wird als besondere Spezialität SOURDOUGHBREAD gereicht. Und das kommt unserem Verständnis von Brot, ja von gutem Brot schon deutlich näher. Aber Spezialität??

Was ich an den Briten schätze, ist, dass sie

..zu manchen Dingen ein völlig unverkrampftes Verhältnis haben.

Drei Beispiele, was damit gemeint ist:

  • in Glasgow gibt es Kelvingrove Art Gallery and Museum, wo wie in allen staatlichen Museen der Eintritt kostenlos ist. Dort finden sich durchaus bemerkenswerte Kunstwerke, eine Sammlung wichtiger Stücke des schottischen Jugendstil sowie der Gruppe Glasgow Boys. Und vor allem ist es ein Ort des Lernens ohne Zeigefinger, Kunst wird verständlich erklärt: „Jedes Bild erzählt eine Geschichte.“ Und um 13.00 Uhr spielt ein Organist  in der Einganshalle, sein Spiel wird auf 2 Monitoren gezeigt, das Hand- und das Fußwerk. Es ist ein Ort für Familien, der Begegnung. Ohne Anbetung der Kunst, aber mit viel Wertschätzung der Werke.
  • St. Andrews hat den Golfplatz schlechthin, The Old Course, den berühmtesten, prestigeträchtigsten. Und an Sonntagen wird dort kein Golf gespielt, sondern die Öffentlichkeit darf über den Platz spazieren, sich dort zum Picknick niederlassen, die Hunde ausführen, etc. Allein die Grüns sind Tabu, alles andere, die berühmten Abschläge, Fairways, die Brücken sind zugänglich.
  • Noch mal Golf: bei uns ist das Spielen auf fremden Plätzen erstens mit Hürden und zweitens hohen Kosten verbunden. Man muss sein Handicap und die Clubmitgliedschaft angeben, um dann für 60 € 18 Löcher spielen zu dürfen. Kein Wunder: die Clubheime, die defizitären Restaurants, das ganze Arsenal an Greenkeepern und Trainern und Sekretariat und Clubmanager will finanziert sein. In Perth bin ich auf einen Platz gegangen, da saß in einer kleinen Hütte ein freundlicher Mensch, dem ich meinen Wunsch vortrug, dass ich spielen wolle und Schläger nemötigen würde. „No Problem, are you a right-hander?“ Und ging, die Frage war mit „Ja“ beantwortet, in einen kleinen Schuppen, holte wunderbare Schläger, einen etwas schwerfälligen Trolley, versicherte sich, dass ich auch Bälle haben würde. Und los ging’s, 18-Loch für knapp 20€. Halt, ich konnte nicht sofort loslegen, aber nachdem zwei Flights losgezogen waren, meinte er, ich sei nun der Nächste. Und hatte Spaß auf einem schönen und gepflegten Golfplatz, ohne allzuviel Trubel, der zudem mitten in der Stadt gelegen war.

Ich habe es geahnt,

dass auch das ein Verlust sein würde:

mit der Abgabe des wunderbaren Dienstnotebokks habe ich auch keinen Zugriff mehr auf das Portal der bisherigen Dienststelle.

Keine Mitteilungen mehr, wie Meetings zu organisieren sind, welche Richtlinien es zur Arbeitszeit gibt oder wie in Zukunft das Qualitätsmanagement aussehen soll.

Es geht also nicht um das Gerät als solches, das ist irrelevant.

Es geht um das Gefühl, nicht mehr dazu zu gehören.