Scharnierwochen

Drei neue Lehraufträge, darunter einen an einer zweiten Schule und zwei, die ich schon lange nicht mehr oder noch nie unterrichtet habe, zwei abgeben. Bisherige acht halbe Klassen werden  zu sieben ganzen Klassen. Macht insgesamt etwa 150 neue Namen, die ich mir merken muss. Und das bei fünf zwei-stündigen und  drei einstündigen Fächern.

Viel Hilfe von Kolleginnen, die mir ihre Materialien zur Verfügung stellen. Ansonsten: neue Stoffverteilung, Klassen zusammenbringen, Materialien sichten. Hoffen, dass die Klassen mitmachen. Extra Energie, um deren Vertrauen zu gewinnen.

Drei laufende Projekte, ein zusätzliches, eines, das ich noch konzipieren muss. Artikel schreiben, korrigieren, weiterleiten.

 

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Zwei Logiken

Ich schicke voraus:

die Unterhaltung von Schulbauten obliegt den Schulträgern, zumeist den Städten und Gemeinden oder auch den Landkreisen. Sie müssen auch für die finanziellen Mittel sorgen.

Gestern nun:

ich verfolgte eine Debatte zwischen einer Fragestellerin, Mutter eines Kindes auf dem Gymnasium. Sie beklagte sich über unhaltbare Zustände in der Schule, undichte Fenster, kalte, schlecht isolierte Klassenzimmer, undichtes Dach und dergleichen mehr. Allen Appellen der Schule zum trotz habe die Kommune bislang nichts getan, vermutlich aus finanziellen Gründen. Sie wandte sich an den Staatssekretär, das Land müsse doch etwas tun. Er gab zurück: es sei Aufgabe des Schulträgers. Und zudem: man dürfe und wolle nicht die bislang untätigen Kommunen finanziell unterstützen, wohingegen die frühzeitig aktiv gewordenen leer ausgehen würden. Das sei wenig gerecht.

Man müsse das doch aus Perspektive der Betroffenen betrachten, die unter diesen unzumutbaren Zuständen tagein, tagaus zu leiden hätten. Das hin- und Herverschieben von Verantwortlichkeiten helfe ihnen überhaupt nicht. Er verstehe das, entgegnete der Staatssekretär, dennoch wolle er aus guten Gründen die Zuständigkeit und Verantwortlichkeit noch einmal betonen. Und er könne hier und heute keine Versprechungen machen, die über bisherige Vorhaben der Regierung hinausgingen.

Beide Positionen leuchten mir völlig ein. Ich fürchte nur, das Verständnis für die Regierung dürfte sich in Grenzen halten.

 

Unlängst schaute ich einer

Personalreferentin zu, die einer Schulklasse die Grundlagen des Sich-Bewerbens darlegte. Zunächst nur um ein Praktikum. Dann aber soll es um den zukünftigen Beruf gehen. Als ginge es um Alles.

Tut es natürlich. Aber auch wieder nicht. Wenn ich an mein Berufsleben denke: es geht immer um alles. Und dann löst sich das zuweilen auf. Und das andere Alles beginnt.

Irgendwo las ich: man solle an den Universitäten als Kernkompetenz „Verunsicherungsfähigkeit“ lehren. Ich böte mich als Dozent an.

 

„Du darfst gerne nachfragen,….“

So hat mir eine Schreiberin geantwortet, mit der ich in einem Zwiegespräch darüber bin, wohin die SPD steuern soll. Und ich habe die Auffassung vertreten, dass es andere, relevantere  Themen gebe, als aus #MeToo# organisationsinterne Verfahren zu kreieren, mit denen sexistisches Verhalten identifiziert und rückgemeldet werden soll.

Um es vorab zu sagen: das Thema „gesellschaftliche Gleichberechtigung“, womit das Beenden von Diskriminierung eingeschlossen ist, ist schon ein relevantes. Aber nicht allein daran entscheidet sich, ob man einer Partei eine positive Gestaltungkraft für die Zukunft zutraut und sie mit diesem Auftrag betraut. Sondern es gibt weitere Themen: wie gehen wir mit sozialer Ungerechtigkeit um, wie gelingt uns Integration, wie gestalten wir Wirtschaft so, dass wir weder die Kosten auf die Nachwelt noch in nigerianische Elektrohalden oder Plastikmeere verlagern? Und gelingt es , eine europäische Friedensordnung zu erhalten, die nationale Identitäten schützt und Zusammenarbeit auf relevanten Feldern vertieft?

Ich glaube, es steht Frauen und Männern zu, über politische Prioritäten sich auszutauschen. Diskussionserlaubnisse und -verbote sind da völlig fehl am Platze. Also die Formulierung:“Du darfst gerne nachfragen“, konstituiert eine Erziehungsberechtigten – Kind-Beziehung, die auch und gerade in einer Diskussion über Geschlechterrollen nichts verloren hat.

 

 

Learning through teaching

Ich werde morgen eine Gruppe von etwa 40 Schülerinnen und Schülern der 10. Klasse im Nachmittagsunterricht, Fach: Gemeinschaftskunde, haben. Darunter sind 12 italienische Austauschschülerinnen – und Schüler und deren 12 deutsche Gastgeber. Was tun mit denen?

Ich lasse gerne Jeopardy spielen, zu dem ich mir die Fragen und Kategorien selbst überlege. Natürlich müssen sie einen überwiegend politischen Bezug haben, also zu den Themen Essen oder Wetter oder touristische Attraktionen stelle ich keine Fragen. Und ich merke dabei: wie wenig ich beispielsweise über das italienische politische System weiß.

Ein wenig Nachhilfe bieten die Fragen, die ich mir ausdenke….Denn ich muss ja auch die korrekten Antworten kennen.

 

Gerechtigkeit

Ein wesentliches gesellschaftliches Sentiment ist das Gefühl für gesellschaftliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit.

Dabei geht es in drei unterschiedliche Richtungen.

Die eine ist: es gibt Menschen, die einer ordentlichen Beschäftigung nachgehen, die ihnen ein sicheres Einkommen sichert. Allein, dieses Einkommen reicht gerade so. Luxus, Freiheiten sind damit nicht möglich, kein Spontantrip nach London. Und günstiger attraktiver Wohnraum ist ohnehin ein Mangel.

Die zweite ist: die ungleiche Verteilung von Chancen. Man kann schon den Eindruck bekommen, dass die Kinder von Führungskräften bessere Chancen auf attraktive, gutbezahlte Jobs haben als die Kinder von einfachen Angestellten. Letztere sind genauso qualifiziert, ganuso kompetent. Aber die guten Praktika handeln die Mütter und vor allem Väter unter der Hand aus, und auch die wichtigen Auslandserfahrungen im Studium können sich in der Regel nur die Bessserverdiener leisten. Gesellschaftliche horizontale Mobilität wird auf diese Weise zu einer Fiktion.

Die dritte ist: es gibt die Wahrnehmung, wonach viele Anstrengungen unternommen werden, um Flüchtlinge adäquat unterzubringen und zu versorgen. Währenddessen andererseits das Gefühl entsteht, wonach die „einheimischen“ Notfälle und prekären Situationen, aber auch die „einfachen“ Beschäftigten nicht mit derselben Energie Unterstützung erfahren.

An dieser Stelle begegnen sich auch die erste und die dritte Richtung – und augenfällig wird es am Wohnraum.  Flüchtlinge generieren einen unmittelbaren Handlungsdruck, weil sie nicht einfach irgendwo auf dem „freien“ Markt Wohnraum für sich finden. Diejenigen, die gerne eine günstigere und schönere Wohnung hätten, befinden sich in unmittelbarer Konkurrenz zu den Flüchtlingen in der öffentlichen Wahrnehmung. Gar nicht so sehr auf dem Wohnungsmarkt, denn so wie Flüchtinge untergebracht sind, möchten sie auch nicht wohnen. Nur ist ihr Anliegen ein diffuses, nicht durch den Bau von Einfachstunterkünften zu befriedigendes, daher häufig hintangestelltes. Und der Markt befriedigt deren Bedürfnis nicht, weil er Wohnraum nur zu höheren Preisen schafft (wegen Grundstückspreisen/Auflagen/etc.). Politk muss diesen Spagat schaffen, wenn sie an der Stelle die Unzufriedenheit auffangen will.

Obergrenzen, die man so nicht benennen will, verstärken eher das Gefühl, dass man sich um die falschen Dinge kümmert. Und uns zudem ein X für ein U verkaufen möchte.

Meine heutige Heldin…

..ist mir begegnet, als ich einige Besorgungen machte.

Sie trug einen Zettel in der Hand mit Büchern, die sie vergeblich im Buchladen zu erwerben versucht hatte. Es waren Lehrbücher für die externe Hauptschulabschlußprüfung, die eine junge Frau, aus Afghanistan  geflüchtet, abzulegen trachtete. Allerdings würde die Prüfung bereits übermorgen sein.

Und die Heldin war unterwegs, dieser Bücher habhaft zu werden. Weil sie dieser Frau die Chance ermöglichen will, eine Perspektive in unserem Land zu haben. Ich habe sie an die Schule verwiesen, die die Prüfungen abnimmt.

Die Heldin ist im beruflichen Ruhestand, schon seit etlichen Jahren.